Wilde Möhre in der Dämmerung

Im "Verborgenen Hasenmuseum" fühlt sich der Feldhase wohl

Mondorf (kaw). Von weitem sieht es aus wie eine Wiese. Von nahem auch. Doch Johanna Schmitt geht in die Knie, schaut sich die Wiese ganz genau an. "Schafgarbe, Löwenzahn, wilde Möhre", zählt sie auf, zerreibt dabei ein Kraut zwischen den Fingern und riecht daran. Was wie eine Wiese aussieht, ist ihr "Verborgenes Hasenmuseum". "Abends in der Dämmerung bin ich oft hier", sagt Schmitt, "dann sehe ich auch häufig Hasen."

Das Bauernhaus ihrer Schwester in Mondorf gleicht eher einem "Verborgenen Hasenmuseum": Versteckt hinter Bäumen, in allen Räumen Hasen. Hasenbilder an der Wand, Zeichnungen und Kopien auf der Couch, der Fensterbank, dem Schreibtisch, eine Porzellandose in Hasenform auf dem Küchentisch. Daneben steht noch ein Schokohase von Ostern. "Ich könnte nie einen Schokoladenhasen aufessen", sagt Schmitt.

Die Merzigerin hat Kunsterziehung, Kunst und Kunstpädagogik studiert und lebt seit 20 Jahren als freie Künstlerin in Berlin. "Ich habe mich schon häufiger mit der Tier-Mensch-Beziehung auseinandergesetzt", erklärt die 56-jährige, "irgendwann wollte ich direkt etwas für den Feldhasen tun." Die Idee des "Verborgenen Hasenmuseums" war geboren. "Seit 1994 steht der Feldhase auf der Roten Liste. Auf unseren fetten Hochleistungsweiden, die die Landwirte wegen des höheren Milchertrags anlegen, findet der Feldhase seine Lieblingskräuter nicht mehr", erklärt die Künstlerin und wirkt dabei so analytisch wie eine Biologin.

Die Biologie ist zu ihrem Handwerkszeug geworden, bei der Arbeit am "Verborgenen Hasenmuseum". In Mondorf. und Umgebung hat sie zahlreiche Bauern aufgesucht und ihnen ihr Anliegen geschildert: Wiesen mit Krautern neu anzusäen und damit ein geschütztes Revier für den Feldhasen zu schaffen. So entstanden seit 1998 insgesamt 1,5 Hektar Hasenmuseum "Auf Klopp" in Mondorf und 0,6 Hektar "Im Stockfeld" in Silwingen. "Wir haben die Wiesen aufgeeggt und mit einer Ökoeinsaat 80 verschiedene Krauter und Wildblumen nachgesät", sagt sie. Diese Pflanzen kann der Hasenorganismus besser verwerten als die stickstoffgedüngten Wiesenpflanzen. Außerdem findet der Feldhase hier Versteckmöglichkeiten und Schlupfwinkel zum Ausruhen. Für Johanna Schmitt ist das "Verborgene Hasenmuseum" ein interdisziplinäres Kunstprojekt. "Ich vertehe meine Arbeit als soziale Plastik", erklärt sie, "das Kunstwerk ist nicht auf das sichtbare, äußere Objekt beschränkt, sondern es umfasst auch den unsichtbaren, inneren Bewusstseinsprozess der Bauern, Sponsoren und aller anderen, die mir geholfen haben und bei denen ich mich bedanken möchte." Schmitt möchte, dass sich die Menschen wieder mehr der Natur zuwenden und nicht nur im Kosten-Nutzen-Schema denken. "Es ist eine große Ungerechtigkeit, nur den menschlichen Bedarf zu erfüllen und nicht den der Natur", zitiert sie Josef Beuys, vom dem sie auch den Begriff der "sozialen Plastik" entlehnt hat. "Für Beuys war der Hase Symbol für Veränderung und die ständige Erneuerung des Lebens."

Katrin Werno, Saarbrücker Zeitung vom April 2002

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